Clash der Kulturen

Ich für meinen Teil zähle mich zu den Personen, die sehr gerne die Arbeiten verschiedener Kolumnisten lesen. Meine Favoriten hierbei sind Jakob Augstein und Jan Fleischhauer. Was ich nicht als Widerspruch in sich sehe.
Beide veröffentlichen ihre Arbeiten auf Spiegel Online. Was mich zu einem regelmäßigen Gast dieses Angebotes macht.
Und so trug es sich zu, dass ich heute auf einen Artikel eines anderen Kolumnisten gestoßen bin. Dass dieser unter der Rubrik „Gesundheit“ veröffentlicht war hat mich insoweit nicht beeindruckt, als dass dieser Artikel meinen Schlüsselreiz „Golf“ ausgelöst hat. Ergo führte ich ihn mir zu Gemüte. Zu meiner Beruhigung hatte er mit Gesundheit auch nicht das Geringste zu tun.

Der Autor, Armin Achilles, im wahren Leben eher bekannt unter seinem Namen Hajo Schumacher, ist Journalist und Hobby-Marathon-und-alles-was-irgendwie-geht-Läufer. An dem Umstand, dass es seine Kolumne unter einem Pseudonym veröffentlicht wird erkennbar, dass er das alles wohl nicht so bierernst nimmt. Eine gewisse Launenhaftigkeit und Ironie ist zumindest nicht in Abrede zu stellen.

Diesmal hat sich Achim/Hajo also die, seiner Meinung nach, exklusive und idiotische Gemeinschaft der Golfer angenommen. Und dies mit durchaus launigen Worten.

Was folgt ist eine sehr deutliche Abrechnung mit den aus seiner bescheidenen Sicht arroganten und unnützen Golfern.

Ein kleiner Auszug:

„Ich wollte eigentlich laufen, traute mich aber kaum vor die Tür, weil Querschläger und Frühbier-Standarten aus allen Richtungen kamen. Nach drei Tagen Beschuss wissen wir nun: Golfer sind gar nicht so wie man immer meint – sondern gerade in Horden noch viel schlimmer.“

„Dieser Mehrheit geht es nicht um Sport, schon gar nicht um Wettbewerb, sondern schlicht um eine niedrigschwellige Brückenbeschäftigung zwischen zwei promillehaltigen Orgien, die dröhnend als genussreiche Lebensfreude deklariert werden. So mögen wir ihn, unseren Steuervermeider mit Tagesfreizeit – Stößchen!“

Ob das jetzt jeder für sich als persönliche Beleidigung oder schlichte Überzeichnung aus Unwissenheit sieht bleibt jedem selbst überlassen.

Herr Achilles wollte also nur laufen gehen. Ich verkneife mir die Frage, ob er ansonsten auf dem Boden robbt oder auf dem Zahnfleisch geht. Ich für meinen Teil laufe ja täglich sehr viel. Aber back to topic.

Es geht also ums Golfen vs Laufen. 

Das Letztere ist die Fortbewegungsart des Menschen und der meisten Landsäugetiere. Nach deutschem Wortverständnis bedeutet Laufen so etwas wie „schnelles gehen“. In meiner Heimat, Süddeutschland steht „laufen“ jedoch schlicht für „gehen“. „Schnelles gehen“ heißt bei uns umgangssprachlich „sauen“. Und leitet sich vermutlich vom Substantiv „Sau“ ab. Womit einmal mehr die beinahe prophetische Ader der schwäbichen Mundart bewiesen wäre. Denn Sauen tut Herr Schumacher als Herr Achilles durchaus. Sowohl im schwäbischen als auch im etwas verbreiteteren Sinne. Denn „sauen“ kann man auch als „eine Sauerei machen“ interpretieren. Die Definition von „Sauerei“ setze ich hingegen mal als bekannt voraus.

Wir haben also festgehalten, dass Herr Schumacher als Herr Achilles gerne saut. In beiderlei Hinsicht. Er saut über Golfer und saut geradeaus. Letzteres bezeichnet er als Sportart, ersteres vermutlich als seinen Beruf.

Aber ist Golf jetzt ein Sport? Auch da müssen wir eigentlich wieder ein paar semantische Überlegungen anstellen. Das deutsche Wort „Sport“ beschreibt verschiedenste Wettkampfarten, die meist in Zusammenhang mit Bewegung stehen. Abgeleitet wird es vom englischen „Sport“, welches wiederum verwandt ist mit dem Lateinischen „disportare“. Dies bedeutet übersetzt soviel wie „sich zerstreuen“. Sport ist also eine Tätigkeit, bei der man Zerstreuung sucht. Nun, dies dürfte wohl auf viele Dinge zutreffen. Auch auf die hier in Rede stehenden.
Doch wie kommt Herr Achilles jetzt darauf, den Golfern den Status als Sportler gleich komplett abzuerkennen?
Es muss zugestanden werden, dass Golf nicht gerade die körperlich herausfordernste Sportart der Welt ist. Meiner Meinung nach ist das Mixed Martial Arts. Das aber sehen viele nicht als Sportart an, es ist ein Teufelskreis. Aber halten wir fest, Golf is nicht über die Maßen körperlich herausfordernd. Aber was ist mit den anderen Eigenschaften?

Da wäre der Wettkampfgedanke. Ja, den gibt es bei uns durchaus. Wie bei jeder Sportart, sonst wäre es keine. Und wie in jeder anderen Sportart wird auch bei uns beschissen, also wieder ein untrügliches Zeichen dieser Eigenschaft.
Fragt man einen Golfer warum er golft hört man meist die Antwort „Man kann sich dabei schön ablenken, weil man sich ganz auf sein Spiel konzentrieren muss.“ Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster und schreibe einen Punkt für „sich zerstreuen“ gut, ganz wie im ursprünglichen Wortsinn.

Aber was hält Herr Achilles jetzt vom Golf und von Golfern? Und vor allem, wie realitätsnah ist das Ganze?

Rollatoren mit Schlägertaschen? Nene, Herr Achilles, diese Debatte mache ich hier nicht auf. Nur soviel, ich trage meine Tasche. Immer und dogmatisch. Aber vielleicht zähle ich ja auch zu den 10%, denen sie, großzügig wie sie sind, einen kleinen Brotkrumen der Anerkennung hinwerfen, so im Vorbeilaufen.

Handyheadset auf dem Golfplatz? Macht man nur einmal, glauben sie mir. Im Golf zählen Dinge wie Benehmen, Anstand und gegenseitige Rücksichtnahme noch. Es wird Sie vermutlich überraschen zu hören, dass in den Regeln hierfür sogar Strafen vorgesehen sind. Insofern wäre der Einzige treffende Vorwurf, dass es auf einem Golfplatz nicht so anarchistisch zugeht wie auf einem Waldwandereg, auf dem eine Horde wildgewordener, schwitzender, keuchender und präfinaler Jogger an einem vorbeirauscht. Tja, wir haben alle unser Päckchen zu tragen.

„Dabei ist Golf vor allem der zuverlässigste Weg zu Übergewicht und Bluthochdruck.“schreiben sie. Und ich hatte schon Angst, man hätte die Kolumne aus Versehen zu „Gesundheit“ sortiert. Leider bleiben sie die Antwort schuldig, wie dies mit der Sportart zusammenhängen soll. Mir zumindest sind auf einem Golfplatz noch keine Schweinswurststationen aufgefallen. Vielleicht habe ich sie aber auch übersehen, da lasse ich mich von Ihnen gern eines Besseren belehren.

Aber drehen wir den Spieß doch einfach mal herum!

Wie eingangs schon erwähnt besteht die große Passion von Herrn Achilles darin zu laufen. Also eine Tätigkeit auszuübern, die wir alle in früher Kindheit lernen und die uns keinerlei große Probleme bereitet solange der Blutalkoholspiegel nicht das Regiment übernommen hat. Aus dem Umstand könnte man jetzt schließen, dass ihm vielleicht grundsätzlich Sportarten zuwider sind, die ein gewissen Maß an Koordinierungsfähigkeit erfordern. Wie gesagt, geradeauslaufen ist jetzt nicht gerade eine größere Kunst oder erfodert besonderes Talent.

Somit steckt er die Golfer in einen Sack mit all dem, was er in seiner unendlichen läuferischen Weitsicht gleich noch alles als Pseudosportart abqualifiziert. Schach, Reiten und Pilates. Wobei man bei ersterem immer noch einwänden könnte, dass ein Schachgroßmeister immerhin auch anfangen könnte zu laufen wenn er Lust hat und so auch einen Marathon bestreiten könnte, Herr Achilles wohl aber auch in 50 Jahren kein Schachturnier gewinnen würde. Aber sei es drum.
Zumindest verwunderlich ist hier die Nennung von Pilates. Zwar zählt Herr Achilles dies zu den Pseudosportarten. Dieser Meinung scheint er jedoch noch nicht allzu lange zu sein. Denn vor noch nicht allzu langer Zeit veröffentlichte er auf seiner Homepage einen Artikel über diese, wie er heute sagt, Pseudosportart mit der Überschrift „Pilates hilft bei Rückenleiden“. Um sich jedoch selbst nicht zu widersprechen ist der Artikel nicht mehr auf seiner Homepage auffindbar (jedenfalls für mich). SPON bewirbt ihn (dankenswerterweise) aber noch.

Genausogut könnte man die Frage aufmachen, ist stupides Laufen ein Sport? Entspricht es wirklich auch nur einem sportlichen Gedanken, in einer wurstpellenähnlichen Aufmachung durch die Landschaft zu laufen? Wahre Kenner würde jetzt wahrscheinlich antworten, es gehe nicht nur ums Laufen, es gehe darum, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden, sich immer neue Maßstäbe zu setzen, immer neue Ziele zu stecken und körperlich fit zu sein. Sind das nicht genau die subjektiven Kriterien, die sie verteufeln wenn sie von Pseudosportarten sprechen? Und als argumentative Stütze Personen heranziehen, die diesen Sport betreiben um seine Unsportlichkeit zu unterstreichen? Nicht nur, dass dies eine eher perfide Argumentationsstrategie ist, sie ist genauso unrichtig. Denn sie schließt aus dem äußeren eine (erdachten) Person auf deren subjektive Einstellung und weiter auf die subjektive und wieder objektiven Eigenschaften einer pauschalisierten Masse. Inwieweit dies den Maßstab einer journalistischen Arbeit erfüllt lasse ich Ihnen anheim gestellt.

Ich möchte Sie aber gar nicht groß beschimpfen oder herabwürdigen. Im Gegenteil, ich möchte, dass sie bei ihrer Meinung bleiben.

Herr Achilles, sie schrieben selbst:
„Das müssen Sie mal probieren! Nein, Frau Broilerbraun, das muss ich nicht, sonst würde ich noch mehr Menschen wie Sie treffen. Ich mag aber keine Salami-Hobbys, wo sehr selten nur ein genießbares Menschenkind zwischen ziemlich vielen Resten schimmert.“
 

Ich möchte Sie inständig bitten:
Probieren Sie es wirklich nicht aus. Golf ist nichts für sie. Die Sache mit dem gegenseitigen Respekt, Benehmen und Anstand. Laufen sie weiter geradeaus, über Stock und Stein soweit ihre getesteten Schuhe sie tragen mögen. Da sind sie allein mit ihren Gedanken und können sich ganz für sich selbst über alle diese Pseudosportler ärgern, denen ihre eigene Sportart mehr Freude bereitet als Sie es vielleicht wahr haben wollen. Und wenn sie dann vom nächsten Halbmarathon zurückkommen und ihre Laufzeit veröffentlicht haben, dann setzen sie sich hin und schreiben wieder eine Kolumne. Nur dann vielleicht eine über ein Thema, das Sie beherrschen. Wie wäre es mit Laufen? So einen Vierzeiler bekommen Sie da bestimmt zusammen…

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3 Gedanken zu „Clash der Kulturen

  1. Sehr schöne objektive Antwort. Sehr intelligent aufgebaut ich hätte wie es meine Art ist, einfach gesagt was ich denke und das wäre nicht gut gewesen.

    Dank dir

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