Handicap und Zählspiel

Golf ist ja bekanntlich Kopfsache. Und das Handicap ist für viele Golfer, nach Haus, Auto, KInder, das vierte Element sich zu positionieren. Nicht viele Gespräche haben als erste Frage zur Folge „Welches Handicap hast du denn?“ wenn sie hören, dass ich golfe. 
Meine Antwort lautet „Frau, zwei Kinder, ein Haus, ein Pferd, einen Job“.Ich will mit dieser Antwort eigentlich nur zwei Dinge dokumentieren:
1. Mein Gibt es wichtigere Dinge als Golf in meinem Leben. Ja, das wird die/den eine/-n oder anderen die mich kennen oder selber golfen, irritieren, ist aber so.
2. Ist es nicht wichtig was ich für ein handicap habe.Also mir nicht. Aber als Statussymbol ist es wohl dann doch wichtig.
Und so haben viele Golfer ein Statussymbol. Sie nennen es zwar handicap, aber eigentlich ist das nur die bestmögliche Zahl, die sie erreichen/erspielen konnten.
Meistens auf dem Heimatplatz, bei Turnieren unter idealen Bedingungen und wenn alles super lief. Aber spielen tun sie eigentlich irgendwas weit über dem Handicap. 
Auf fremden Plätzen ohnehin und beim Zählspiel erst Recht.
Ich will hier jetzt keine Brutto- Netto-Ergebnisse Diskussion anfangen. Ich selber finde es hilfreich, wenn die Leute Netto spielen und den Ball an dem par nach 8 Schlägen aufheben, wenn er nicht vor der Fahne liegt. Das spart zeit und Nerven. Und zwar auch für die Flights dahinter.
Komischerweise haben Anfänger dafür ein besseres Gefühl. Ein Spieler mit Handicap 18 tut sich da manchmal schon schwerer mit. Aber das mag eine subjektive Wahrnehmung von mir sein.
Spannend wird das Thema Handicap aber, wenn es ums Zählspiel geht. Denn dann kann man nicht einfach den Ball hochnehmen und sagen: Weiter, auf zum nächsten Loch. Da muss man weiterspielen. Bis zum bitteren Ende.
Dann zeigt sich auch immer wieder, wo das wahre Handicap vieler Spieler liegt, nämlich viel höher.
Bei unsern Clubmeisterschaften dürfen deshalb auch nur noch Spieler mit Hdcp -11,4 oder besser mitspielen. Bei den Senioren und Jungsenioren allerdings bis Hdcp -18,4.
Wenn man sich dann die Ergebnisse anschaut (egal ob Hdcp -4, -10 oder -15) liegen diese    dann weit von den Vorgaben weg.
Wenn man, wie ich ein Hdcp von -16,8 und damit eine Platzvorgabe 18 (ich bin in Gatow zu hause) spielt, dann bedeutet dass, dass man mit einer 90 quasi sein Handicap gespielt hat. Brutto. Natürlich kann ich auch mit einer 98 mein Handicap dennoch unterspielen, denn es kann ja sein, dass ich an zwei Bahnen jeweils eine 10 oder so spiele, dafür aber den Rest Netto besser.  
So ähnlich bei mir geschehen, bei den Jungsenioren-Clubmeisterschaften.
Am Samstag spielte ich eine 89. Logisch, dass war mit 37 Netto eine Unterspielung. Ich verbesserte mein Handicap auch deshalb, weil ich „nur“ 2 Doublebogeys gespielt habe. 
Am Sonntag gelang es mir, nach einem Start 5 – 4 (Bogey – Par) an der 3, einem leichten Par 5 eine 11 zu spielen. Ja, eine 11. Und ja, ich gestehe, ich hätte den Ball am liebsten aufgehoben, als ich 7 lag. Aber das ging halt nicht. Wie es dazu kam? Unaufmerksamer Abschlag (wenn ich ehrlich bin, ein Slice, weil ich mich nicht gedreht habe und der Ball zog überraschend nach rechts. Aber da lag ich schon paar Mal und habe ihn immer gefunden).
Dennoch spielte ich einen provisorischen Ball. Denn aber wirklich als „provisorisch“ den Ball habe ich mit dem Holz 3 total unmotiviert 80 m vorwärts bewegt. 
Dann, weil er ja so kurz war, den provisorischen ball provisorisch weitergespielt. Ich finde den ersten ja ohnehin. Ok, der Schlag mit dem Rescue schaffte dann ca. 90 m.
Als klar war, der erste Ball war weg, lag ich 4 und hatte noch 290 Meter vor mir. Der Kopf spielte verrückt, der Körper sagte „Ich nehme mir mal eine Auszeit“ und so kam was kommen musste, dazu noch ein „Ich putte mal zur 10 zu Ende“ Putt aus 50 cm, den ich vorbeischob. Ja, da stand dann die 11. 
So ganz trocken. Meine Mitspieler waren überrascht.
Und ich? 
Ich dachte: Shit, die 8x schaffst du heute als Endergebnis nicht mehr. Denn die war auch am Sonntag das Ziel. Heimlich sogar eine 85, denn am Samstag hatte ich einiges liegegelassen, da ging bestimmt mehr. Man muss ja Ziele haben. 
Mein puls war irgendwo im roten Bereich. ich zugegebener Maßen nicht ganz Herr meiner Sinne und leicht neben der Spur. Normalerweise nämlich nehme ich den Ball auf, streiche das Loch und versuche die Punkte wieder reinzuholen.
Und als ich den Abschlag an der 4 (ein Par 3 mit 125 m) mit dem Eisen 7 rechts ins Wasser geschlagen hatte, gab es zwei Chancen.
Entweder ergebe ich mich und spiele irgendwas mit 100 oder ich reiße mich zusammen und schau nicht mehr auf die Scorecard. 
Sondern ich spiele Schlag für Schlag für Schlag. Die 5 an der 4 (der Ball aus dem Wasserhindernis landete natürlich im Bunker, da rausgespielt, dann zwei Putts) nahm ich mit. 
Aber ab dann wurde es besser. Die Tatsache, dass ich wieder in den Anfang 90er Bereich komme, habe ich an der 13 realisiert, als ich ein weiteres Par spielt. Am Ende war es zwar dann doch noch eine 93, aber mit 36 Netto erneut meine Vorgabe. 
Damit war ich bei den Senioren und Jungsenioren der einzige Teilnehmer der beide Runde sein Handicap gespielt oder sogar unterspielt hat.
Platz 9 und einige Spieler mit besseren Handicaps hinter mir gelassen, war ich am Ende eine Erfahrung reicher und dennoch sehr zufrieden. Es waren nur Spieler mt deutlich besseren Handicaps vor mir. Und einige von ihnen auch hinter mir. 
Und ja, es gab Spieler mit einem Handicap unter -18,4 die eine oder gar zwei Runden mit 100 oder schlechter gespielt haben.
Ich spiele seitdem, falls es euch interessiert, ein Handicap von -16,5. Und ich weiß spätestens jetzt, dass ich es wirklich spiele. Netto und Brutto. Und das ist ein tolles Gefühl. 

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