Wertschätzung

In Zeiten einer Fußball-WM zählt in Deutschland nur eine Sache: Die Fußballnationalmannschaft. Das wissen inzwischen auch die Politiker zu schätzen, die alle zwei Jahre bei großen Turnieren relativ unbemerkt Dinge beschließen können. Doch um Politik soll es hier nicht gehen. Oder im weiteten Sinne dann irgendwie doch, nämlich um Sportpolitik.
Der Sportfan hierzulande diskutiert und erhofft sich nur eines: Den Weltmeistertitel. Der vierte Stern muss her. Da bleibt dann kaum noch Platz für andere Dinge. Oder gar andere außergewöhnliche sportliche Erfolge. Die Meisterschaft der Basektballer des FC Bayern geht da gefühlt bereits nach drei Minuten wieder unter. 
Die Team-Europameisterschaft der deutschen Leichtathleten erst Recht. Selbst ein Sieg von Nico Rosberg hält es kaum eine Stunde in den (sportlichen) Schlagzeilen. 

Da hat selbst ein abfahrender Mannschaftsbus (der deutschen Nationalmannschaft vor dem Spiel gegen Ghana) mehr Aufmerksamkeit. Und daher verwundert es kaum noch, wenn eine der größten (Einzel-)Sportleistungen der deutschen Sportgeschichte in einer Nacht abgehandelt wird und quasi wieder im Nichts verschwindet, bevor es das Land wirklich mitbekommt. Spötter behaupten: „Warum gewinnt der Kaymer auch während der WM die US Open?“ Und sie haben mit der Frage gar nicht so unrecht. Denn hätte er die US Open nächstes oder letztes Jahr, also quasi zwischen den Welt- und Europameisterschaften im Fußball gewonnen, wäre ihm wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit zuteil geworden.

So sehen Sieger aus

Wahrscheinlich nicht ansatzweise so viel Aufmerksamkeit wie der Siegerin der US Open der Damen, Michelle Wie in diesen Tagen in den USA erfährt, aber dennoch etwas mehr als jeweils ein (mehr oder weniger knapper) Artikel in den Internetauftritten der großen deutschen Magazine und Zeitungen, die wir hier mal kurz auszugsweise verlinken wollen:
Spiegel Online titelt: Überragender Kaymer gewinnt US Open!
Focus Online: Nervenstark zum historischen Triumph!
FAZ stellt fest: Doch kein One-Hit Wonder! Vier Wochen nach dessen Sieg bei „The Players“ (dem „fünften“ Major) ist das auch eher alles befremdlich.
Handelsblatt, Zeit und Stern wissen zu berichten: Kaymer gewinnt als erster Deutscher US Open!
Und die Sportschau kommt sogar mir einer fachlichen Wertung: Kaymer brilliert bei den US Open!

Das alles am Morgen nach dem Triumph geschrieben und sogar inhaltlich mit dem Verweis (via Twitter) auf die Nationalmannschaft garniert wurde, versteht sich allerdings von selbst, oder?


Die Links oben waren dann auch (fast) alles zum sportlich größten Einzelerfolg eines deutschen Spitzensportlers der letzten Jahre. Vergleichbar vielleicht mit dem (ersten) WM-Titel von Sebastian Vettel.
Der Hype um Boris Beckers ersten Wimbledon-Triumph 1985 hingegen war deutlich größer. Wie gesagt: Das war 1985. 1985 war kein Fußball-WM- oder EM Jahr und es gab nur (noch…) drei ernsthafte TV Stationen, während die ersten Privatsender gerade in die Tutti-Frutti-Phase einstiegen und das Niveau der Fernsehübertragungen sich anfing nur noch an den Einschaltquoten zuorientieren. 
1985, Lichtjahre vom Internetzeitalter entfernt, dass mit seinen Millionen Publikationen mehr Informationen pro Sekunde bereitstellt, als Vettel im Jahr Euros verdient. 
Das soll hier keine Medienschelte werden, aber ein wenig mehr Ausgewogenheit im Sinne des Sports wäre schön. Wie gesagt, ich muss nicht zwingend KMH am Pool sitzend auf allen Kanälen und in allen Zeitungen gleichzeitig sehen. Und es wäre vielleicht auch einmal ein Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal, wenn man sich etwas ausführlicher mit dem Sieg und der Bedeutung für den Sportler und den Sport hierzulande auseinander gesetzt hätte. 
Und das hätte nicht mal richtig Aufwand bedeutet, nur etwas Recherche, ein paar Minuten auf der entsprechenden Website und dazu hätte man nur Twitter und die entsprechenden Accounts der anderen Golfer, Golferinnen und US Medien verfolgen müssen (was man ohnehin scheinbar nur noch macht) und schon hätte man Stoff für Themen gehabt. und die Konsumenten hätten dann (mit relativ wenig Aufwand) erahnen können, was dieser Sieg wirklich bedeutet. 
Auch und gerade für den Sportler Kaymer, der jetzt endlich in den USA angekommen und beliebt ist. Das nur Erfolg sexy macht, wissen wir doch alle. Und das eine Michelle Wie, genau wie eine Woche zuvor Martin Kaymer, durch alle TV Shows in Amerika zieht und die gesamte PR Nummer durchläuft, ist dort normal und gang und gäbe. 
Und vielleicht auch ein Grund dafür, dass Golf so populär ist, wie man in Deutschland wohl nie sein wird. Auch wenn man hier wie dort am liebsten Sieger sieht. 

Hier kurz Edith nochmal mit einem Interview Link, in dem Martin Kaymer (ab Sekunde 40 ca) genau dieses Thema in einem ZDF Interview im Rahmen der BMW International Open anspricht…
 
Jetzt haben wir einen Sieger, einen echten Megastar in einer  olympischen Sportart und was machen die Verbände und Medien daraus? Ja, Golf wird 2016 in Brasilien wieder Olympisch.

Deutschland gibt laut stern.de im Jahr 138 Mio € an Steuergelder für die Sportförderung aus, um Olympiasieger (-kandidaten) zu fördern. Dies alles, um Gewinner „zu produzieren“. Wer erinnert sich an die letzten deutschen Olympiasiege? Wer hat wann Medaillen bei Olympia gewonnen, wer hat vielleicht sogar alle Erwartungen nicht erfüllt?

Und der DGV? 
Der sucht seit Jahren verzweifelt nach Mitteln und Wegen, den Golfsport „salonfähig“ zu machen und ihn den massen und der Jugend näher zu bringen. Das Projekt „Abschlag Schule“ und andere Versuche für Aufmerksamkeit zu sorgen sind Ideen, die das Thema Golf nach vorne bringen und neue Zielgruppen erschließen  sollen. Bisherige Erfolg eher bei Null. Komma. Null.
Und dann kommt dieser Doppelsieg eines Martin Kaymer, zugegebenermaßen sowohl in dieser Qualität als auch als historischer Doppelsieg daher und was macht man beim DGV (bisher) daraus? Nichts. Null. 
Warum auch?
Warum auch versuchen Kapital aus so einem Triumph zu schlagen?
Warum auch einen tollen Sportler, der sich auch noch extrem gut zu präsentieren weiß, als Erfolgsgeschichte präsentieren? Okay, er hat sich den Erfolg mehr oder weniger alleine erarbeitet und ihn mehr als alle anderen gewollt. Aber dennoch ist auch er Teil der DGV Geschichte.
Warum den Leuten mitteilen, was da in Pinehurst No2 und auch im TPC Sawgrass in den letzten Wochen historisches passiert ist? Warum versuchen die Medien darzubringen, mitzuteilen das dieser großartige Sportler und seine ebenso grossartigen Kollegen keine 10 Tage nach dem  historischen Rekordsieg in Deutschland sind?
Eine ganze Woche sogar, bei den BMW International Open im Gut Lärchenhof bei Köln. Das man da an den ersten Tagen freien Eintritt bis einschließlich Freitag gewährt, ist eine tolle Aktion, nur muss man das auch den Menschen sagen. Dann geht vielleicht der eine oder andere auch mal hin und schaut sich nicht nur Martin Kaymer  sondern auch Hendrik Stenson, immerhin der letztjährige Sieger der PGA und European Tour und die aktuelle Nummer 2 der Welt an. Und all die anderen Topstars, die man in Köln sehen kann. 
Und warum legt der DGV dann seinen 3.ten von fünf Spieltagen der Deutsche Golf Liga auf genau das einzige Wochenende, an dem in Deutschland ein international hochkarätiges Golfturnier stattfindet? Klar hat der DGV keinen echten Einfluß auf den rahmenmalender der European Tour, aber auf den der Deutschen Golf Liga sehr wohl!
Das schafft bei den Spielern Frust, denn a. können sie nicht nach Köln fahren um zuzuschauen und b. werden die wenigen Golfinteressierten hierzulande eher TV gucken, als im Golfclub um die Ecke den besten Amateuren bei ihre Mannschaftsmeisterschaften anzufeuern.

Ich bedaure beide Umsände sehr und hoffe, dass irgendwann jemand beim DGV mal auf die Idee kommt, sein Hirn sinnvoll einzusetzen und dem Sport wirklich zu dienen. Aber das ist genauso wenig wahrscheinlich wie ein Sieg von Martin Kaymer bei The Open im diesen Jahr. Oder doch nicht?

Als Protipp: Geht an den ersten Tagen zu den BMW International oder guckt euch dieses tolle Turnier am TV an, am Sonntag aber geht ihr zum Golfclub um die Ecke und schaut euch mit eigenen Augen an, dass Golf ein extrem reizvoller Sport ist und das auch die Amateure herausragende sportliche Leistungen vollbringen können. Und glaubt mir, ihr werdet es nicht bedauern.

Edith meldete sich gerade mit den Worten: Vergiss die Jungs um Marcel Siem, Maximilian Kiefer und Alex Cejka nichtm die ebenfalls am Start waren. Und vergiss auch die deutschen Damen nicht, die beim herausragenden Sieg der US Amerikanerin Michelle Wie mit Sandra Gal am Ende geteilte 22 und mit Caroline Masson geteilte 28te beim wohl schwersten Golfturnier des Jahre wurden.

Nur Golf findet man natürlich auf 


              und         

und jeden Montag ab 19 Uhr im Programm von 
http://mein-sportradio.de/podcast-golf.html

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